Eberhard Riedel

Das Wunder vom Fichtelberg

14. Februar 1938 bis 5. April 2026. Der erfolgreichste alpine Skirennläufer der DDR, dreimal bei Olympischen Spielen, Sieger von Adelboden 1961, Ehrenbürger von Kurort Oberwiesenthal und Lauter.

Eberhard Riedel 1960 in einer Slalomfahrt, zwischen zwei Torstangen
Eberhard Riedel, 1960
6. April 2026

Nachruf auf meinen Vater

Es fällt mir unendlich schwer, Abschied von meinem Vater, Eberhard Riedel, zu nehmen. Er ist gestern am Ostersonntag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 88 Jahren friedlich eingeschlafen.

Viele kannten meinen Vater als erfolgreichen Skirennläufer der ehemaligen DDR, als Athleten, der sein Land auf internationalen Pisten vertreten hat. Für mich war er der Mensch, der mir gezeigt hat, wie man mit Haltung, Disziplin und Leidenschaft durchs Leben geht.

Was ihn auszeichnete, war nicht nur sein Können auf Skiern, sondern seine Haltung zum Sport. Er war kein lauter Mensch, keiner, der sich in den Vordergrund drängte. Er arbeitete, trainierte und kämpfte, still, konsequent und mit einem tiefen Respekt vor seinem Sport und seinen Mitstreitern.

Wenn man ihn auf seine Erfolge ansprach, hat er selten über Platzierungen oder Ranglisten gesprochen. Stattdessen erzählte er von den Dingen, die nicht für jedermann sichtbar waren. Über die Bedingungen, unter denen sie trainierten, von eisigen Morgenstunden in den Bergen, von der Präzision, die dieser Sport verlangt. Er sprach von Teamgeist, von Kameradschaft, aber auch vom Druck, ein ganzes Land zu repräsentieren, und das zur damaligen, politisch höchst brisanten Zeit.

Nach seiner aktiven Karriere blieb der Sport ein zentraler Teil seines Lebens. Er engagierte sich weiterhin für den Nachwuchs, gab seine Erfahrungen weiter und blieb dem Skisport eng verbunden. Ihm war wichtig, dass junge Menschen nicht nur Technik lernen, sondern auch Werte: Fairness, Ausdauer und die Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen.

Für mich war er weit mehr als der Sportler. Ich habe ihn als Vater erlebt, als jemanden, der trotz aller Disziplin eine große Wärme in sich trug. Er konnte streng sein, ja, aber immer gerecht. Er war ein absoluter Familienmensch, und wenn ich ihn gebraucht habe, war er da. Wenn ich gezweifelt habe, war er derjenige, der mich aufmunterte, weiterzumachen. Wenn ich gefallen bin, hat er mir nicht nur aufgeholfen, sondern mir beigebracht, wie ich in Zukunft selbst wieder aufstehe.

Es sind die kleinen Momente, die besonders schön sind in meiner Erinnerung. Die aber nun auch umso mehr schmerzen: sein Blick, seine ruhigen Worte, sein leises Lächeln, wenn er stolz war, ohne es laut zu sagen.

Ich habe mich im Krankenhaus noch von ihm verabschieden können. Wie sehr ich ihn bewundert habe. Wie viel ich von dem, was ich heute bin, ihm verdanke. Wie oft ich in schwierigen Momenten an seine Stärke gedacht habe und daran, dass Aufgeben nie eine Option war.

Aber ich weiß, dass er in mir weiterlebt. In allem, was er mir beigebracht hat. In der Art, wie ich denke, wie ich handle, wie ich mit Rückschlägen umgehe. Und vielleicht auch in dem Mut, den ich jetzt brauche, um ihn gehen zu lassen.

Papa, ich vermisse dich mehr, als Worte es ausdrücken können. Und gleichzeitig bin ich unendlich dankbar, dein Sohn zu sein. Danke für alles. Für jede Minute. Für jeden Rat. Für dein Vertrauen. Mach’s gut, Papa.

Dein Sohn Peter

Statt Blumen

Die Beerdigung wird im kleinen Rahmen der Familie stattfinden. Wir bitten, von Blumenspenden oder Kondolenzen abzusehen. Wenn Sie dennoch etwas tun möchten, dann unterstützen Sie bitte den ASC Oberwiesenthal e. V. mit einer Spende. Das war sein ausdrücklicher Wunsch.

Vom Hausberg in Lauter zur Weltspitze

Mit den 1960er Jahren begann sich Kurort Oberwiesenthal zur Hochburg des alpinen Skisports zu entwickeln. Unter Trainer Joachim Loos gelang es den Mittelgebirglern, in die Phalanx der Hochgebirgler einzudringen.

In seiner erzgebirgischen Heimatstadt Lauter begann Eberhard Riedel mit dem Wintersport. Schon als kleiner Junge stieg er mehrmals täglich vom Dorf auf den Hausberg Morgenleithe, um sich anschließend ins Tal zu stürzen. 1947 gelang ihm der Sieg bei einem Skispringen auf der örtlichen Grieseschanze.

Er wechselte zum SC Traktor Oberwiesenthal, wo er von Joachim Loos trainiert wurde, und widmete sich fortan dem alpinen Skisport. Zwischen 1952 und 1956 wurde er mehrfach Sachsenmeister im Kinder- und Jugendbereich. 1957 wurde er in die alpine Nationalmannschaft der DDR berufen.

Eberhard Riedel nahm an drei Olympischen Winterspielen teil. 1960 in Squaw Valley wurde er in der Abfahrt 16., 1964 in Innsbruck im Riesenslalom 15. und im Slalom 18. 1968 in Grenoble gelang ihm mit Platz 13 im Slalom seine beste olympische Platzierung. Er war außerdem bei den Alpinen Weltmeisterschaften 1958 in Bad Gastein und 1966 in Portillo in Chile dabei.

Riedel erlernte den Beruf des Forstarbeiters, in dem er ab 1962 arbeitete. Von 1955 bis 1962 war er Angehöriger der Nationalen Volksarmee. Am 20. Oktober 1963 wurde er als Vertreter der FDJ in die Volkskammer der DDR gewählt und gehörte ihr für eine Legislaturperiode bis 1967 an. 1964 brachte er dem damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht die Slalomtechnik bei.

Im gleichen Jahr begann er ein Fernstudium der Sportwissenschaften an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig und war nach dessen Abschluss als Fußball-, Ski- und Skisprungtrainer tätig. Dabei betreute er auch kurzzeitig Jens Weißflog. Seine aktive Laufbahn hatte er 1969 beendet, nachdem die DDR die Förderung des alpinen Skisports gestrichen hatte.

Zusammen mit seiner Frau Hannelore, die ebenfalls erfolgreich Ski fuhr, lebte er in Kurort Oberwiesenthal. Sie haben zwei erwachsene Söhne, Olaf und Peter Riedel.

DDR-Meisterschaften

Kurort Oberwiesenthal, 1957 bis 1968.

Riesenslalom
4 × Platz 1, 2 × Platz 2, 4 × Platz 3
Slalom
2 × Platz 1, 1 × Platz 3
Abfahrt
2 × Platz 1
Kombination
2 × Platz 1, 1 × Platz 2, 1 × Platz 3

Internationale Erfolge

Weltmeisterschaften, Olympische Spiele und die klassischen Rennen der Alpen, in der Reihenfolge der Jahre.

  1. 1958

    Weltmeisterschaften in Bad Gastein

    Abfahrt Platz 24, Spezialslalom Platz 27.

  2. 1959

    XIV. Czech-Memorial in Zakopane

    Riesenslalom und Kombination Platz 1, Abfahrt Platz 2, Spezialslalom Platz 3.

    Seinen bisher größten Erfolg erkämpfte sich der DDR-Läufer Eberhard Riedel beim XIV. Czech-Memorial im polnischen Zakopane. Er gewann von insgesamt 44 Teilnehmern, darunter der zur Weltspitze gehörende Franzose Bozon, mit Note 2,18 die Alpine Dreier-Kombination.

    Aus der Presse
  3. 1960

    30. Internationales Lauberhorn-Rennen in Wengen

    Abfahrt Platz 6, Kombination Platz 8, Slalom Platz 11.

  4. 1960

    Olympische Spiele in Squaw Valley

    Abfahrt Platz 16.

    Vor dem Rennen gab es Streit in der gesamtdeutschen Mannschaft: In der Abfahrts-Kombination sollte Riedel für den Westdeutschen Wagnerberger laufen, woraufhin Ski-Ass Lanig mit Streik drohte.

  5. 1961

    7. Internationale Skitage in Adelboden

    Riesenslalom Platz 1. Auf stumpfer Unterlage gewann er mit 1,3 Sekunden Vorsprung.

    Mit 60 Sachen raste gestern Eberhard Riedel auf dem 2,2 km langen Riesenslalom-Kurs von Adelboden dem Sieg entgegen. Sein erster Platz bei einem internationalen Skirennen war eine Sensation.

    Aus der Presse

    Bis heute ist er der einzige deutsche Sieger dieses Rennens.

  6. 1962

    32. Internationales Lauberhorn-Rennen in Wengen

    Abfahrt Platz 12.

    Von 127 Teilnehmern erreichte Ebs als Mittelgebirgler im Spezialslalom auf einer tückisch vereisten Piste den 12. Rang.

    Aus der Presse
  7. 1962

    23. Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel

    Abfahrt Platz 11.

    Unter 117 Läufern aus 22 Ländern belegte Eberhard Riedel in 2:40,8 einen hervorragenden elften Rang. Er war als 16. gestartet und lag, als die Läufer der absoluten Weltspitze bereits das Rennen beendet hatten, noch an sechster Stelle.

    Aus der Presse
  8. 1964

    Olympische Spiele in Innsbruck

    Riesenslalom Platz 15, Spezialslalom Platz 18.

  9. 1965

    Zillertaler Granaten in Mayrhofen

    Riesenslalom Platz 1.

  10. 1965

    27. Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel

    Abfahrt Platz 9.

  11. 1966

    Weltmeisterschaften in Portillo

    Abfahrt Platz 22.

  12. 1967

    3. Pistenrennen in Saalbach, Saalfelden und Zell am See

    Riesenslalom und Kombination Platz 1, Abfahrt Platz 2, Spezialslalom Platz 3.

  13. 1968

    Olympische Spiele in Grenoble

    Spezialslalom Platz 13, Riesenslalom Platz 41.

    Die beste olympische Platzierung seiner Laufbahn.

Das Aus für internationale Wettkämpfe

Das Aus für die Teilnahme an internationalen Wettkämpfen kam 1968 im alpinen Rennsport. Die DDR-Staats- und Sportführung fällte diese Entscheidung wegen angeblich zu hoher Kosten und Unrentabilität. Unter der Decke munkelte man jedoch, dass die profihafte Entwicklung dieses Sports nicht in das sozialistische Bild passte. Mit dieser Entscheidung wurde der alpine Rennsport in der DDR nicht mehr gefördert und führte seither ein Schattendasein.

Bilder

Rennaufnahmen, Presseausschnitte und Ehrungen aus sieben Jahrzehnten. Die Vorlagen stammen aus dem Archiv der Familie.

Wengen 1960, Kitzbühel 1961

Die beiden ältesten Aufnahmen: das Lauberhorn-Rennen und die Hahnenkammabfahrt.

Lauberhorn 1960, Wengen
Kitzbühel 1961

Kitzbühel 1965

Zwei kurze Aufnahmen vom Hahnenkamm, im Jahr seines neunten Platzes in der Abfahrt.

Kitzbühel 1965
Kitzbühel 1965

Grenoble 1968

Ein Interview von den Olympischen Winterspielen, bei denen ihm mit Platz 13 im Slalom seine beste olympische Platzierung gelang.

Interview, Olympische Winterspiele 1968

Im Fernsehen

Zwei Porträts: der MDR zum 70. Geburtstag und das Schweizer Sportstudio zum Jubiläum des Adelboden-Sieges.

MDR „Hier ab vier“, 70. Geburtstag
SRF Sportstudio, 7. Januar 2013

Kitzbühel 2025

Sechzig Jahre später, zurück am selben Ort.

Kitzbühel 2025

Zweimal Ehrenbürger

Kurort Oberwiesenthal 2023, die Geburtsstadt Lauter 2024. In Sachsen ist die Ehrenbürgerwürde die höchste Auszeichnung, die eine Stadt vergeben kann.

Oberwiesenthal, 14. August 2023

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am Marktplatz wurde meinem Vater die Ehrenbürgerwürde der Stadt Kurort Oberwiesenthal verliehen. Gemeinsam mit seinem damaligen Erfolgstrainer Joachim Loos prägte er die Skigeschichte am Fichtelberg und legte den Grundstein für eine erfolgreiche Ski-Alpin-Abteilung auf unserem Hausberg.

Unter schwierigsten Rahmenbedingungen wurde damals trainiert. Umso kreativer und hartnäckiger musste man sein: kurzerhand wurde am Fichtelberg die Lifttrasse als Abfahrtspiste umfunktioniert. Anlässlich des 100. Geburtstags des Trainers trägt diese Piste heute den Namen Joachim Loos.

Die Ehrenbürgerwürde steht als Zeichen der Dankbarkeit für die internationale Aufmerksamkeit, die Oberwiesenthal durch die Erfolge meines Vaters erlangt hat. Das bestätigten auch Jens Weißflog und Gisela Lass, die die Laudatio hielten.

„Es ist emotional sehr bewegend, die ganze Geschichte von damals nochmal Revue passieren zu lassen. Die Bilder sind so präsent und ziehen vor meinem geistigen Auge nochmal vorbei, als wäre das alles gerade erst kürzlich geschehen. Möge der heutige Tag, das Vertrauen und die Wertschätzung, die mir gegenüber erbracht wurde, in unserer Stadt Kurort Oberwiesenthal weiterleben. Danke dafür!“, sagte mein Vater in seiner Rede.

Lauter, 19. September 2024

Im Rahmen des alljährlichen Fests des Erzgebirgsvereins wurde ihm die Urkunde vom Bürgermeister von Lauter-Bernsbach, Thomas Kunzmann, übergeben. Zahlreiche Freunde und Weggefährten waren gekommen, um mit „Ebs“ zu feiern.

Der Absatz aus der Bürgerinformation bringt es auf den Punkt: „Es wird vorgeschlagen, dass Eberhard Riedels Geburtsstadt Lauter, heute Lauter-Bernsbach, den Ebs, den besten Alpin-Ski-Fahrer der DDR, für seine sportlichen Leistungen mit der Ehrenbürgerschaft auszeichnet.“

Geboren und aufgewachsen in Lauter, war ihm die Sportbegeisterung in die Wiege gelegt. Auch wenn ihn das Leben und die Karriere später in die weite Welt hinauszogen: Lauter war für ihn immer Mittelpunkt, wenn es um Heimat ging. Hier fing alles an, und wer weiß, vielleicht wäre mein Vater nie zu dem geworden, der er ist, hätte er nicht dieses sportlich geprägte Umfeld gehabt.

Diese Seiten wurden meinem Vater Eberhard Riedel gewidmet und anlässlich seines 88. Geburtstages am 14. Februar 2026 angepasst.